Schock

Das Vorstellungsgespräch – wie du ein Desaster vermeidest

Das Vorstellungsgespräch – wie du ein Desaster vermeidest

Dieser Artikel wurde von Nicki Ahlgrim extra für karintaglang.ch verfasst – in ihrem frischen und direkten Stil, den man nicht überall findet. Viel Spass beim Lesen!

Egal, ob es mit blutjungen 16 Jahren das erste Mal passiert, oder mit 45 zum 20. Mal. Nein, nein! Es geht nicht um Sex. Ich rede von einer Situation, die das Gefühl von Lampenfieber und Schweißausbrüchen auslösen kann: das Vorstellungsgespräch!

Der innige Wunsch, diesen Job unbedingt haben zu wollen, kollidiert mit den lautstarken, teuflischen Gedanken im Hinterkopf wie z.B. „Sind die anderen hübscher als ich? Bin ich geeignet? Mag mich der Chef?“. Eine gut einstudierte Liste über das perfekte Verhalten während des Gesprächs wird von schwachen Nerven und nervösem, linksseitigem Augenzucken überschattet. Bereits bei der ersten Frage wird man sich seiner eigenen unprofessionellen Show bewusst und dann verliert man völlig den Kopf. Das Selbstbewusstsein schmilzt wie eine Eiskugel auf Asphalt im Hochsommer. Das Gefühl, am Boden zu liegen und nur als ein klebriger, schmuddeliger Fleck in Erinnerung zu bleiben, wird zum Albtraum.

(K)ein Desaster

Meine persönliche Horrordarbietung präsentierte ich vor ca. zehn Jahren dem Personalchef in einem Chemiekonzern. Wäre an meiner Stelle Jennifer Aniston und an jener des Personalchefs Hugh Jackmann gewesen, hätte ich darüber herzhaft lachen können. Aber so war es nicht…

Einen Tag vor dem Bewerbungsgespräch hatte ich sorgfältig Bluse, Schuhe und Kostüm stundenlang perfekt aufeinander abgestimmt. Mein Make-Up geplant, Unterlagen und Zeugnisse in der Aktentasche verstaut. Wegbeschreibung auswendig gelernt. Unglaublich, aber wahr. Ich hatte noch kein Navi.

Gegen 18 Uhr war ich schon mit den Nerven am Ende und todmüde. Eine Stunde später standen meine besten Freunde vor der Haustür und schleppten mich zu unserem Lieblingsrestaurant. Sie meinten es nur gut. Sie hatten die besten Absichten. Sie wollten mich doch nur unterstützen. Leider ging ihr Plan nicht ganz auf. Okay, meine Schwäche für Ouzo, Knoblauch und Zwiebeln war vielleicht auch nicht ganz unbeteiligt am bevorstehenden Desaster.

Panik Comic

Tatsache war, dass sich meine Nervosität am nächsten Morgen in Luft aufgelöst hatte. Anstelle dessen hatte sich ein widerlicher Brummschädel und eine hartnäckige Knoblauchfahne breitgemacht. Ich setzte meine ganze Hoffnung auf einen Liter Bodylotion und konservierte meinen Körper mit einer Flasche Deo.

Als ich später Herrn — nennen wir ihn einfach mal „Armer Kerl“ — gegenüber saß, war mir nach wenigen Sekunden klar, dass mein Atem nicht nach Frühlingswiese duftete. Aber der „Arme Kerl“ hielt sich wacker. Verzog keine Miene und war auch sehr nett. Als er das Fenster öffnete, machte er das außerordentlich diskret und schnell.

Nach und nach machten sich ungünstigerweise die drei Aspirin bemerkbar, welche ich zu Hause noch schnell mit einer großen Tasse schwarzem Kaffee runtergespült hatte. Meine Magen- und Darmflora rebellierten und „Armer Kerl“ hätte taub sein müssen, um dieses organische Konzert ignorieren zu können. Meinen schändlichen Auftritt konnte ich überraschenderweise noch toppen.

Als ich zum Abschied meine Hand ausstreckte, habe ich mit der Präzision eines Scharfschützen das volle Wasserglas umgeworfen. Ein halber Liter Wasser (warum mussten die mir auch so ein riesiges Glas mit den Ausmaßen einer Blumenvase vor die Nase stellen!?) plätscherte über den Schreibtisch, Dokumente, Maus und einen Bilderrahmen. In Zeitlupe sah ich, wie die strahlenden und glücklichen Gesichter eines Familienfotos wellig, nass und zerstört wurden.

Nun die große Frage: Habe ich den Job bekommen?

Dieses Erlebnis war nicht schön. Passt eher in die Kategorie: Peinlich, beschämend und eine Lehre fürs Leben. Vielleicht war es notwendig. Auf jeden Fall ist mir ein solches Fiasko kein zweites Mal passiert. Doch war es tatsächlich notwendig gewesen? Wie hätte ich dieses Chaos vermeiden können?

Schön ruhig bleiben

Vor einem Bewerbungsgespräch rauscht einem der Kopf, als würden die Synapsen einen Kurzschluss erleiden. Gedanken, Ängste aber auch Hoffnungen schießen kreuz und quer durch das Unterbewusstsein. Primär freut man sich auf die Chance, einen guten Job ergattern oder eventuell eine Karrierestufe hochklettern zu können. Man versucht, die persönlichen Qualifikationen und Berufserfahrungen objektiv einzuschätzen. Neugier und (An-)Spannung, wie die neuen Kolleg*innen sein könnten, oder ob der Chef ein Idiot ist, wechseln sich ab. Stress gemixt mit Erfolgsdruck dominieren die guten Eigenschaften und Stärken. Gibt es ein Geheimrezept, die Aufregung in den Griff zu bekommen? Was sind Tabus?

Natürlich kann ich dir keine magische Liste offenbaren, die idiotensicher ist. Eine Aufstellung, die eine hundertprozentige Erfolgsquote garantieren würde, wäre so seriös wie die Sprüche in den trockenen Glückskeksen. Aber ich kann realistische Tipps und Anregungen geben.


So gelingt das Vorstellungsgespräch

Bitte nimm diese Ratschläge als Wegweiser. Sie entspringen weniger einem Zauberbuch aus Hogwarts, als viel mehr gesundem Menschenverstand.

Kleider auf Kleiderbuegel

1. Die Vorbereitung

  • Das Aussehen/Outfit ist wichtig, keine Frage. Es darf aber nicht im Wahnsinn enden. Ein stundenlanges Ausprobieren, Kombinieren und farbliches Abstimmen kostet Zeit und ist pure Energieverschwendung. Du gehst doch auf keine Modenschau! Im Endeffekt sieht die Wohnung dann so aus, als wäre eine Bombe hochgegangen und die Nerven liegen blank.
    Meine Empfehlung: Eine stilvolle Bekleidung, welche das gepflegte Erscheinungsbild unterstreicht, reicht vollkommen aus. Der eigene Typ bzw. Stil soll und darf betont werden. Aber bitte nicht auf „Teufel komm raus“ in den letzten Schrei der Saison quetschen. Selbst wenn in deinem Lieblingsmagazin steht, dass es ALLE tragen können. Du sollst dich wohl fühlen! Elegant und geschmackvoll! Also bleiben die blutroten, zwanzig Zentimeter Highheels, Bikerjacke und Baseballcap brav im Schrank.
  • Bitte, bitte auf ein dezentes Make-Up achten. Pickel, Augenringe und Co. dürfen kaschiert werden, aber Gesicht und Poren nicht komplett zuspachteln. Eine natürliche Optik ist einer Clownsmaske vorzuziehen.
  • Fingernägel: verzichte auf schrille Farben, schwarz, Glitzer oder all‘ die verführerischen Töne, die eher an Kirmes oder eine 80er Jahre Party als an ein Vorstellungsgespräch erinnern.
  • Parfüm: im Zweifelsfall weglassen. Gestattet ist ein Hauch — keine halbe Flasche.
  • Kaugummi raus!

Wolkenkratzer

2. Die Ankunft

  • Einige Minuten vor dem vereinbarten Termin zu erscheinen, ist angebracht. Zu spät, No-Go! Eine Stunde zu früh? No-Go! Dies vermittelt den Eindruck, als hätte man wie vor einer Filmpremiere die ganze Nacht vor der Tür mit Isomatte und Thermosflasche campiert.

Gespraech im Kaffee mit Latte Art

3. Das Gespräch

Niemals vergessen: Nervosität ist menschlich. Personalchefs auch.

  • Ruhig bleiben — aber nicht gelangweilt wirken.
  • Setz all deine Energie in Konzentration und Aufmerksamkeit.
  • Dein Gegenüber ausreden lassen.
  • Falls eine Antwort nicht sofort parat ist, lieber Zeit zum Nachdenken nehmen — kein kopfloses, hektisches Geplapper.
  • Verkauf dich gut. Du bist in dem Moment das beste High-Quality-Produkt und keine Ware vom Discounter. Dennoch nicht überheblich und arrogant wirken.
  • Natürlich bleiben. Das kann auch bedeuten, mal nachzufragen oder zuzugeben, eine Frage nicht verstanden zu haben.
  • Zeige Menschenkenntnis und sei flexibel. Das Zauberwort heißt Empathie! Versuche deinen Gesprächspartner einzuschätzen. Handelt es sich um die konservative, steife Sorte, oder eher den Typ, welcher total aufs Schleimen abfährt? Manche lieben es, wenn man über ihre ausgelutschten Witze lacht und sich die Schenkel klopft. Bei anderen kann man ein paar Bonuspunkte absahnen, wenn man Interesse für ihr Lieblingsthema Zimmerpflanzen oder Golf zeigt (heuchelt).

Selbstverständlich ist ein Vorstellungsgespräch bei einer Bank nicht vergleichbar mit einem eher lockeren Job in einer jungen Start-up Agentur. Jede Situation wird sich individuell entwickeln, gehe darauf ein und reagiere. Jahr für Jahr entwickeln sich neue Berufsfelder. Kreative, abenteuerliche und futuristische. Die Möglichkeiten für Entwicklung und Karrierechancen wachsen, modifizieren sich und ermöglichen eine große Auswahl an unterschiedlichen Jobangeboten.

Aber nicht nur die Angebotsvielfalt verändert sich. Im Laufe der Zeit sind auch viele Unternehmen, Firmen etc. flexibler und toleranter geworden. Dresscodes werden des Öfteren nicht mehr all zu streng und penibel bewertet, Umgangsformen, geschlechtsspezifische Vorurteile oder Ansichten sieht man gelassener.

Haende schuetteln

Solange einige Grundregeln wie respektvolles Verhalten gegenüber Anderen und eine gründliche Vorbereitung auf das Gespräch eingehalten und geachtet werden, schafft man sich selber die besten Voraussetzungen, um mehr als nur einen guten ‚Ersten Eindruck‘ zu hinterlassen. Das Wichtigste: Bleib dir selber treu, deinen Ansichten, deiner Persönlichkeit.

Kleine Anpassungen oder Kompromisse sind erlaubt und manchmal notwendig. Wenn du dich in einem Hosenanzug nicht wohl fühlst, dann bedeutet das nicht, in Shorts und Jogginghose zu erscheinen. Finde einen Mittelweg. Wenn du überzeugte*r Veganer*in bist, dann musst du keinen Job in einer Metzgerei antreten. Wenn man sich in der eigenen Haut nicht wohl fühlt, nützen die besten Designerkostüme oder exzellente Diplomarbeiten nichts.

Steh zu dir, deinen Stärken und deinen Überzeugungen.

Nicki Ahlgrim

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